Sonntag, 16. Februar 2014

Wolfgang (#73 - Archiv)


Dieser Mann hat an einem schwierigen Tag mein Vertrauen wiederhergestellt.

Es war ein herrlicher Tag - geradezu perfekt, um Fremde zu photographieren. Ich freute mich, daß ich ein wenig Zeit hatte, um durch die Straßen zu schlendern.

Auf einer Bank im Park fiel mir ein Mann auf. Er war klein, hatte lange dunkle Haare und schien südamerikanische Wurzeln zu haben. Ich setzte mich zu ihm, und wir unterhielten uns lange, aber das Gespräch war höchst unangenehm.

Der Mann bezeichnete sich als Künstler, seine Metiers waren Malerei und Bildhauerei. Er schilderte seine Arbeiten als abstrakt, mit deutlichen Elementen von Mayas und Inkas. Gegen das Photo hatte er an sich nichts einzuwenden, jedoch wollte er eine „Spende“ als Gegenleistung für das Photo. Er machte mir eine Art Sonderangebot von gerade einmal 3 EUR und betonte dabei, er wisse genau, was ein exotisches Gesicht wert sei, ein Photograph bei einer Messe habe ihm viel mehr bezahlt.

Für eine kurzen Moment war ich versucht, das Angebot anzunehmen. Aber ich hatte meine Lektion gelernt, die mir Eugen, mein Fremder Nr. 38, beigebracht hatte und lehnte ab: Dafür gibt es in meinem Projekt keinen Raum.

In unserem langen Gespräch ging es vor allem um Geld und Kunst, aber wir drehten uns im Kreis. Als ich es schließlich beendete, ließ es mich ein wenig verstört zurück. Zu diesem Zeitpunkt machte es mir schon lange nichts mehr aus, eine Absage zu kassieren, aber diesen Mann zu erleben, dessen Denken so verengt auf Geld zu sein schien, machte mich krank. Bei einer anderen Person wäre es vielleicht gar nicht so schlimm gewesen, aber ich konnte nicht verstehen, daß ein Künstler trotz eines so langen Gesprächs eine solche Haltung zeigte.

Heute, mit zweieinhalb Jahren Abstand, da denke ich, dass es einfach eine unglückliche Begegnung war. Ich weiß nicht, was den Mann damals beschäftigt hat. Auch wenn er mit Sprüchen wie „Geld regiert die Welt“ kokettierte, kann es ihm aber kaum um die 3 EUR gegangen sein – vielleicht war es ein Symbol für einen ganz anderen Konflikt.

Damals jedenfalls brauchte es eine bewußte Anstrengung, um die Begegnung abzuschütteln. Es folgten allerdings erst zwei weitere Ablehnungen.

Schließlich erblickte ich Wolfgang, der gerade einen Schluck aus einem Trinkbrunnen genommen hatte. Ich sprach ihn an und erklärte ihm, wofür das Photo gedacht war. „Dann legen Sie los!“, war seine Antwort.

Wolfgang war sehr freundlich und unkompliziert, er freute sich über das Photo. Er versicherte sich sogar mehrmals, ob das Photo auch wirklich im Internet erscheinen werde – das klang bei ihm so, als käme er ins Fernsehen.


Vielen Dank, Wolfgang!

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