Dienstag, 3. Dezember 2013

Aus dem Archiv: Der Ungar (#53)


Es war früher Nachmittag als ich sah, wie dieser Mann auf der Straße Platz nahm und seine Geige auspackte. Ich blieb in der Nähe und beobachtete ihn eine Minute lang, dann ging ich zu ihm und fragte nach einem Photo.

Ungar, Ungar“, murmelte er. Ich spreche kein Ungarisch, also versuchte ich es mit Englisch, aber das half auch nicht weiter. Ich fragte noch einmal ganz langsam, zeigte auf meine Kamera, dann auf ihn und gestikulierte. Der Mann nickte.

Aber das war mir nicht genug. Der Mann konnte ja nicht wissen, daß ich das Photo veröffentlichen wollte. Ich fischte also eine Visitenkarte aus meiner Tasche und zeigte ihm die Internetadresse darauf. „Ok?“, fragte ich. Der Mann nickte erneut, nahm die Karte und verstaute sie sorgfältig in seinem Koffer.

Ich machte ein paar rasche Aufnahmen, dann fragte ich den Mann nach seinem Namen. „Ungar, Ungar“, war seine einzige Antwort. Ich zeigte auf mich, wiederholte deutlich meinen Namen und zeigte dann wieder auf ihn.

Vermutlich ist das eine universelle Geste, die jeder verstehen müßte, der auch nur entfernt mit der westlichen Kultur vertraut ist. Als der Mann wieder nur schüchtern lächelte, mit den Achseln zuckte und einige Male „Ungar“ murmelte, nahm ich an, daß er mich einfach nicht verstehen wollte. Aber ich muß sagen, wenn es tatsächlich so war, dann hat er seine Rolle ziemlich überzeugend gespielt.

Ich beschloß, seinen Willen zu respektieren, legte etwas Geld in seinen Koffer und hob die Hand zum Abschied. 

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