Samstag, 16. November 2013

Aus dem Archiv: Gesine (#44)


Gesine saß mit ihrem Mann auf ein paar Stufen. Ich setzte mich zu ihr und fragte nach einem Photo. Ihre größte Sorge war, daß ich dafür Geld verlangen könnte. Sie erzählte mir, daß sie gerade 40 EUR für eine Pfanne ausgegeben hatte und ihr Mann ohnehin der Auffassung war, das sei zu viel – darum sei nun für mich nichts mehr übrig.

Es dauerte eine Weile, bis ich verständlich erklärt hatte, worum es mir in meinem Projekt ging und daß ich auf gar keinen Fall Geld für das Photo wollte, daß sie im Gegenteil das Photo geschenkt erhielte. Gesine blieb skeptisch und es ließ ihr keine Ruhe. Irgendwann später in unserer Unterhaltung fing sie plötzlich wieder damit an: Aber Sie müssen doch selbst Ausgaben haben bei ihrem Projekt?

Schließlich war Gesine mit dem Photo einverstanden, aber das Ergebnis auf dem Kameradisplay gefiel ihr nicht – zu traurig, trotz des Lächelns. Ich bot ihr an, es noch einmal zu versuchen, aber sie wollte nicht. Darum fragte ich noch einmal nach, ob ich denn das erste Photo verwenden dürfte. Damit war sie nach wie vor einverstanden.

Gesine wollte zunächst anonym bleiben und kündigte an, sich einen Namen auszudenken. Am Ende entschied sie sich aber doch dafür, mir ihren zweiten Vornamen zu nennen.

Wir unterhielten uns noch ein wenig, doch erst als wir uns über ihre Kinder und Enkelkinder unterhielten und ich ihr dabei ein paar Photos meiner Jungs auf dem Handy zeigte, überwand sie ihr Mißtrauen endgültig.

Während dieser ganzen Zeit ignorierte uns Gesines Mann weitgehend.

Nachdem ich das Photo veröffentlicht hatte, meldete sich über Facebook irgendwann die Tochter von Gesine. Gesine hatte beiläufig von der Begegnung mit mir erzählt, und dank des Kärtchens, das ich ihr gegeben hatte, war das Photo rasch im Internet gefunden.

Ich hatte mich noch einige Male gefragt, was Gesine wohl über unsere Begegnung gedachte haben mochte und ob sie es womöglich bereut hatte, dem Photo zuzustimmen. Umso mehr war ich erleichtert, als ich hörte, daß das Bild gut ankam. Gesines Tochter schrieb mir unter anderem:

Das Bild von meiner Mutter finde ich toll, eigentlich sieht sie so aus wie auf vielen Bildern die ich von ihr habe, dennoch lassen sich feinere Gesichtszüge und Lebenslinien erkennen, es ist eine vertraute Person, die man sofort erkennt aber irgendwie lässt sich aus dem Bild noch mehr herauslesen, als aus anderen die man bereits hat...

Sogar Gesines Enkelin hat sich offenbar noch bei ihr beschwert, warum sie den Mann nicht zu ihr geschickt habe – sie wolle doch auch mal ins Internet...


Vielen Dank, Gesine!

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