Samstag, 16. November 2013

Aus dem Archiv: Ernst (#48)


Dieses Photo ist in der Hochzeit der Proteste gegen Stuttgart 21 entstanden. Eine der zahlreichen Demos begann direkt hinter diesem Mann. Sein Schild hatte – zumindest auf den ersten Blick – nichts direkt mit Stuttgart 21 zu tun, dennoch stand er einfach da und hielt es hoch. Er hatte offenbar seine eigenen Themen.

Als ich ihn ansprach und nach einem Photo fragte, antwortete er, daß dies eine Demo sei und es mein gutes Recht sei, ihn zu photographieren und das Photo zu veröffentlichen, er habe das hinzunehmen. Ich erklärte ihm, daß es mir um etwas ganz anderes ging. Er war einverstanden.

Ernst ist Maschinenbauer, arbeitet aber als Lehrer an einer Schule. Dort arbeitet er nur Teilzeit, damit er Zeit hat die Dinge zu tun, die ihm wirklich wichtig sind – wie etwa, dieses Schild zu halten.

Ernst war vor kurzem aus Tokio zurückgekehrt. Tokio, sagte er, sei unglaublich, man fühle sich zurückversetzt in das Mittelalter – überall Tempel, Götzen und Konsum, ein ganzes Land auf finsteren Abwegen. Damals, im Jahr 2011, war Japan von einem schweren Erdbeben erschüttert worden und die anschließende Tsunami-Welle hatte das Atomkraftwerk in Fukushima schwer beschädigt. Ernst fürchtete, daß ein weiteres Erdbeben unmittelbar bevorstand, dennoch wollte er in wenigen Wochen erneut nach Japan reisen. Er arbeitete dort als eine Art Missionar, aber den Begriff lehnte er ab: Ich habe keine Ausbildung dazu, ich bin Maschinenbauer, sagte er.

Ernst ging vollkommen darin auf, sein Schild zu halten. Ein Mann, der auf einer Bank in der Nähe saß, rief ihn und sagte, er solle herüberkommen. Ernst rief unwillig zurück: Ich habe keine Zeit!


Vielen Dank, Ernst!

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