Donnerstag, 3. Oktober 2013

Klaus (#252)


Ein später Vormittag irgendwann unter der Woche. In der Stadt sind bereits viele Leute unterwegs, aber es ist ein etwas besonderer Mix – ein Großteil der Bevölkerung muß um diese Zeit schließlich arbeiten.

Ich sehe einen Mann auf einer Bank im Schatten unter einem Baum sitzen, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Er sitzt nur da, schaut ruhig umher, trinkt ein Bier aus der Flasche.

Ich zögere. Versuche, unauffällig einige Runden um den Mann zu drehen. Warum eigentlich? Will ich etwa herausfinden, ob er schon betrunken ist? Was für eine Rolle könnte das schon spielen, wenn er doch diese Augen hat?

Ich setze mich zu ihm und frage ihn nach einem Photo. Klaus schaut mich aufmerksam an und will mit ruhiger Stimme wissen, wofür das Photo sei und was genau damit passiere. Dann ist er einverstanden.

Klaus ist sehr viel herumgekommen in seinem Leben, hat ganz Europa gesehen und Teile von Afrika. Früher hat er viel gearbeitet, eine Zeitlang war er auch selbstständig. Sein handwerkliches Talent nennt er eine Gabe Gottes. Leider liefen die Dinge nicht immer ganz glücklich, und so hat Klaus zwar noch eine Wohnungseinrichtung, die er bei einem Freund deponiert hat, und er hat gutes Werkzeug, das bei seiner Frau in Norddeutschland lagert, aber eine Wohnung hat er schon lange nicht mehr. Seit vier Monaten schläft er im Stuttgarter Schloßpark.

Heute ist ein schöner, milder Tag, aber der Herbst war dieses Jahr früh und kalt. Da frage ich Klaus, was er machen werde, wenn der Winter komme.

Klaus sieht mich ehrlich erstaunt an: Aber es ist doch noch gar nicht Winter, ruft er aus, heute ist es warm!

Klaus erzählt mir unter anderem einige Episoden von seinem Leben auf der Straße. Er zeigt auf eine Ecke ein paar Meter weiter: Da sitze ich manchmal ganz still, ich mache nichts, ich spreche niemanden an, ich sitze nur ruhig da und denke nach, aber dennoch kommen Security-Leute und vertreiben mich – sie sagen, es sei verboten, da zu sitzen. Die sollten mal ein paar Nächte im Park schlafen, und zwar nicht im Sommer!

Einmal, so erzählt er, sei eine Chinesin gekommen, die habe ihm selbstgekochtes Essen gebracht, mit köstlicher Suppe und allem, und die habe nichts von ihm gewollt - sie habe nur gesagt „essen!“, und sonst nichts.

Während unseres langen Gesprächs rollt irgendwann ein Mann ohne Beine mit seinem Rollstuhl heran. Der Mann und Klaus unterhalten sich in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Während Klaus dann langsam eine Zigarette für den Mann zu drehen beginnt, erfahre ich, dass dieser Mann Rumäne ist. Als ich Klaus frage, ob er denn Rumänisch spreche, winkt er ab: Nein, wir haben eine eigene Sprache; es ist die Sprache des Herzens. Im Schloßpark treffe ich die unterschiedlichsten Leute, ich unterhalte mich mit allen. Ich schnappe ein paar Brocken auf, daraus entsteht ein Mischmasch, und wir verstehen uns alle.

Der Mann wartet ungeduldig auf die Zigarette, rollt ein Stück weiter, als würde er es aufgeben, rollt dann wieder zurück, bis die Zigarette endlich fertig ist. Glücklich steckt er sie ein und hält Klaus ein Geldstück hin, der aber nur freundlich abwinkt.

Als ich wieder zu Hause bin, fällt es mir schwer, mich zwischen einem schwarz-weißen und einem farbigen Photo zu entscheiden. Da erinnere ich mich, daß ich Klaus gesagt habe, ich würde vermutlich ein schwarz-weißes verwenden. Die Idee von einem schwarz-weißen Portrait hatte Klaus sehr gefallen.

Hier ist es.


Vielen Dank, Klaus!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen