Montag, 1. Juli 2013

David (#241)


Es war Sonntag, und ich hatte aufgrund besonderer Umstände reichlich Zeit, um bei angenehmem Wetter einfach durch Stuttgart zu schlendern.

In den Tagen zuvor hatte ich bereits Iris und Sandra portraitiert, die Bilder aber noch nicht einmal entwickelt. Mein Projekt kommt ganz ohne irgendeinen vorbestimmten zeitlichen Rahmen aus, dennoch spüre ich einen gewissen inneren Drang, wenn ich schon länger keine Fremden mehr photographiert habe. Umso bequemer fühlte es sich nun an, Iris und Sandra noch in petto zu haben und trotzdem schon wieder die Gelegenheit zu finden, mit der Kamera durch die Stadt zu schlendern.

Ich hatte zwei Ablehnungen kassiert: Die erste stammte von einem Mann vielleicht Mitte vierzig, die zweite war eigentlich ganz amüsant und stammte von einer jungen Frau, die türkischstämmig wirkte: Sie war mit einer Freundin auf der anderen Straßenseite in die Gegenrichtung unterwegs und hatte meinen Blick bemerkt, noch bevor ich sie einholen konnte. Sie beschleunigte ihren Schritt und positionierte sich so, dass ihre Freundin zwischen uns stand, als ich sie ansprach. Ich hatte noch gar nichts außer einem „Hallo“ gesagt, da legte die Freundin bereits lautstark los, dass ich sie in Ruhe lassen sollte.

Ich versuchte zu erklären, dass ich nur nach einem Photo für ein Kunstprojekt fragen wollte, aber die Freundin schrie schon fast: Wir wollen nicht, Mann! Dabei gingen sie unverminderten Schrittes weiter. Als sie ein paar Meter zwischen uns gebracht hatte, machte sie mit der Hand eine ausladende, schlagende Bewegung und rief laut: Ha, ich gebe dir dein Kunstprojekt, Mann! Die Passanten freuten sich über die unverhoffte kleine Showeinlage, und auch ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Nun denn, mit zwei unentwickelten Photos auf der Festplatte und zwei Ablehnungen im Rücken konnte ich ganz entspannt weiter durch Stuttgarts Innenstadt schlendern und dabei einen Café trinken. Ich sinnierte ein wenig über mein Projekt, und dachte daran, wie sehr ich die guten Momente darin genieße, wenn sich mit einem Male alles zusammenfügt – der richtige Moment, das perfekte Licht und ein Fremder, der einfach photographiert werden „muß“ und der, wenn er diese Notwendigkeit schon nicht selbst einsieht, so doch sein Einverständnis dazu gibt.

Das Zusammenkommen und Ineinanderfügen der Dinge läßt sich nicht erzwingen. Oder, vielleicht läßt es sich schon erzwingen, aber das wäre nicht richtig. So gesehen ist mein Projekt schon fast eine Art Meditation: In den guten Momenten entfalten sich die Dinge einfach, und ich nehme sie so, wie sie kommen.

Und hier kam nun dieser Mann im Rollstuhl.

Meine Frage nach einem Photo war zunächst nur der Einstieg in ein längeres Gespräch.

David hat viel gesehen in seinem Leben: Er war Breakdancer, hatte eine gewisse Bekanntheit erreicht und war auch im Fernsehen zu sehen, er war drogenabhängig und krank. Heute arbeitet als Therapeut und wird von staatlichen Stellen beauftragt, obwohl er – soweit ich als Laie das beurteilen kann – eine sehr eigenwillige Herangehensweise hat. Sein Plan ist es, keinen Plan zu haben. Alles andere entscheidet er abhängig vom jeweiligen Fall. Er spricht sehr viel mit den Leuten und unternimmt zunächst einiges mit ihnen – geht mit ihnen etwas trinken oder tanzen oder was auch immer. Erst danach entscheidet er, ob jemand überhaupt Hilfe benötigt: Mann, rief David aus, Probleme zu haben ist doch völlig normal!

Am Ende unseres Gesprächs kamen wir noch einmal auf die Sache mit dem Photo. David willigte ein, wollte jedoch nicht einfach stillhalten. Stattdessen hob er sich selbst vor seinen Rollstuhl auf den Boden und trug ein eigenes Gedicht vor, das von einem Kind handelte. Eine Zeile – ich glaube, es war sogar die letzte – lautete: Ich weiß nicht, ob ich groß geworden bin oder die Dinge um mich herum klein.


Vielen Dank, David!

Kommentare:

  1. Dieses Bild war schon lange in meinem Kopf. Danke, dass du es gemacht hast!

    "Es gibt einige Augenblicke, Gefühle, die man nicht gern loslassen möchte. Versucht man sie fest zu halten, erstickt man sie. Sie sind die Geschenke des Unbegreifbaren, Zeichen der Unendlichkeit. Der Verstand ist zu arm um zu begreifen, verinnerlichen zu können. Der Körper ist zu schwach, unvollkommen, um sie auf Dauer empfinden zu können. Nur der wahre Geist kann sie empfangen, mit ihr in die Welten des Herzens verreisen, mit der Seele sich treffen, durch die Ewigkeit verwehen und mit der Göttlichkeit verschmelzen." Von David

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    1. Vielen Dank, Catrin! Schön, so etwas von jemandem zu hören, der David viel besser kennt als ich!

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