Sonntag, 5. Mai 2013

Filippo (#234)



Ich habe zuletzt viel Zeit in das Fremden-Projekt investiert. Dabei war es schwierig, entsprechende Personen zu finden – und die, die ich ansprach (ja, auch „ältere“ Damen waren wieder darunter), waren nicht bereit, mitzumachen.

Ich befand mich an einem Tiefpunkt. Lohnte sich der ganze Aufwand denn? Was erhoffte ich mir zu zeigen, was ich nicht schon mit den bisherigen 233 Fremden gezeigt hatte? Wenn es mir bisher nicht gelungen sein sollte, mein Thema mit Hilfe der ersten 233 Fremden darzustellen, warum sollte ich annehmen, daß es mir mit den nächsten 233 gelingen sollte?

Ich war auf dem Heimweg. Etwas ließ mich zögern, und ich drehte noch eine Schleife.

Und noch eine.

Und dann passierte Filippo.

Ein Photo?, fragte Filippo. Das kannst du machen.

Und sogleich erwähnte er, daß er Italiener sei. Ich sagte, das hätte ich irgendwie vermutet. Da lachte er und bedankte sich.

Filippo ist ein weit herumgekommener Mann. In Italien war er mal Florist, ist inzwischen mit Immobilien beschäftigt und hier in Deutschland aber in erster Linie Sommelier, obwohl er keinen Alkohol trinkt und sich derzeit vor allem um einen kranken Freund kümmert.

Filippo zeigte sich geradezu enthusiastisch verliebt in Deutschland. Daß Deutsche Italien lieben, ist ja bekannt, aber daß Italiener Deutschland lieben und ganz aus dem Häuschen sind, wenn sie davon sprechen? Zumindest ungewöhnlich.

Filippo schwärmte: Wenn alle Länder so wären wie Deutschland, dann würde es keine Kriege mehr geben und keine Krisen. Alle hätten einfach ein gutes Leben. Sicher, es gebe auch in Skandinavien vorbildliche Länder, aber das sei ja keine Kunst, mit den paar Einwohnern. Deutschland andererseits – das sei eine echte Leistung. Ein Land mit derart unterschiedlichen Regionen, ein Land mit 82 Millionen Menschen, die alle unterschiedlich seien, mit verschiedenen Religionen – das sei doch etwas völlig anderes.

Über Italien erzählte mir Filippo eine kleine Anekdote: Als Florist habe er einmal über Nacht Blumen rausgestellt. Am nächsten Morgen seien alle weg gewesen, nur noch die Erde sei übrig gewesen: tabula rasa! Das sei doch keine Kultur! In Deutschland dagegen gebe es überall schöne Blumenbeete, und keiner rühre die an.

In Stuttgart geht Filippo oft in eine Techno-Disco. Er zieht sich dann auffällig an, setzt eine seiner fünfzehn Sonnenbrillen auf und tanzt wie verrückt bis weit ins Morgengrauen. Viele Leute sprechen ihn dann an und fragen, ob er ihnen Koks oder Ecstasy verkaufen könne – einer, der so tanzt, der muß schließlich high sein. Aber Filippo lacht dann bloß: Wozu braucht er Drogen? Stuttgart, Deutschland, das Leben selbst ist seine Droge. Hier und heute bei angenehmem Wetter über die Königsstraße zu schlendern, das ist die Droge, die ihn glücklich macht.

Wir unterhielten uns noch über einige andere Dinge, und als wir uns zum Abschied die Hand gaben, hatte mich Filippo mit seinem Enthusiasmus angesteckt. Meine Zweifel waren verflogen: Ganz gleich, was es sonst noch mit meinem Projekt auf sich hat - es gibt einfach Geschichten, die erzählt werden müssen. Und es gibt Photos, die gemacht werden müssen.

Bei Berkal und bei Filippo ist es vor allem die Geschichte, die erzählt werden mußte. Und bei Aline, die ich noch am selben Tag wie Filippo traf (geht demnächst online), ist es das Photo, das gemacht werden mußte.

Vielen Dank, Filippo! 

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