Samstag, 4. Mai 2013

Berkal (#233)




Berkal saß auf einem hohen Hocker vor einem Café, wo er sich ein Brötchen und einen Café schmecken ließ. Er wirkte wie jemand, mit dem man besser keine Späße macht. Ich zögerte eine Weile, wappnete mich innerlich für jede denkbare Reaktion und entschied mich dann, ihn doch beim Essen zu stören.

Auf die Frage nach einem Photo zuckte er bloß mit den Schultern, meinte ok und wollte schon aufstehen. Ich sagte ihm, dass er gerne noch sein Brötchen zu Ende essen könne, und so unterhielten wir uns zunächst recht lange, bevor ich dann kurz vor der Verabschiedung die Aufnahme machte.

Berkal kommt aus der Türkei. Seine Mutter ist Türkin, sein Vater war ein damals dort stationierter US-Soldat, der aber irgendwann wieder in seine Heimat zurückkehrte. Berkal arbeitete in einer Urlaubsanlage als Wassersportlehrer – segeln, surfen und dergleichen waren seine Beschäftigung. In dieser Anlage lernte er auch seine Frau kennen, die aus Deutschland stammt und dort ebenfalls einige Zeit arbeitete.

Irgendwann standen Kinder an, und Berkal und seine Frau fragten sich, was sie nun machen wollten. Der Urlaubsort war klein, die Schule weit entfernt und nicht sonderlich gut.

So entschieden sie sich schließlich, nach Deutschland überzusiedeln. Sie verkauften alles und sind nun seit einigen Jahren in Schwäbisch Gmünd. Der Sohn ist in der fünften Klasse auf dem Gymnasium, die kleinere Tochter wird dieses Jahr eingeschult.

Ich war fasziniert, wie sich dieser Mann während unseres Gespräches in einen freundlichen, warmherzigen und sorgenden Familienvater verwandelte, der der Bildung seiner Kinder wegen in ein fremdes Land übersiedelte. Eine weitere Lektion über Vorurteile.

Vielen Dank, Berkal, und alles Gute!




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