Dienstag, 13. November 2012

Von Ablehnungen



Ein wichtiger Bestandteil meines Projekts sind Ablehnungen – Menschen, die ich um ein Photo bitte, die aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mitmachen wollen. Auch wenn es mich natürlich schmerzt, wenn ein gutes Photo nicht gemacht werden kann, habe ich Verständnis für diese Entscheidung.

Der häufigste Grund für eine Ablehnung ist, dass jemand sein Photo nicht veröffentlicht haben will - und schon gar nicht im Internet. Ich glaube zwar, dass viele hier eine diffuse Gefährdung wahrnehmen, wo gar keine besteht. Schließlich sollte es doch für niemanden nachteilig sein, wenn ein gutes und interessantes Portrait unter dem Vornamen im Internet zu finden ist. Dennoch akzeptiere ich es, wenn das Leute einfach nicht wollen.

Im übrigen entstehen manchmal aus den Ablehnungen heraus auch sehr interessante Begegnungen, die weit über das Thema Photos hinaus gehen. Mit Ablehnungen an sich kann ich also gut leben.

Nur: So sehr ich immer wieder erstaunt und dankbar bin, wie freundlich, offen und frei manche Menschen reagieren, so sehr bin ich geradezu erschüttert, wie mißtrauisch und teilweise feindselig andere mir begegnen.

Das war schon immer so, aber nachdem ich einige Leute in Paris wegen eines Photos angesprochen habe, fiel es mir wieder ganz besonders auf. An sich hätte ich nämlich vermutet, dass es in Paris schwieriger ist als in Stuttgart: Es fängt schon damit an, dass mein Französisch eher rudimentär ist und es mir somit schwer fällt, überhaupt zu erklären, was der Hintergrund meines Projekts ist und worum es mir geht. Außerdem sind die Gegensätze in Paris nun einmal größer als in Stuttgart, die Kriminalität ist höher und es gibt natürlich mehr Bettler als hier. Und schließlich schlägt der allgemeine Takt in Paris schneller: Die Leute scheinen schneller zu gehen, haben es eiliger und sind zielstrebiger als in Stuttgart.

Und dennoch: Fast alle nahmen sich die Zeit, um zu erfahren, was ich überhaupt von ihnen wollte. Die weitaus meisten waren einverstanden mit dem Photo. Selbst wenn sie anfangs spontan abgelehnt hatten, waren sie offen genug, um sich weiter mit dieser ungewöhnlichen Idee auseinanderzusetzen und willigten am Ende doch ein.

Anders in Stuttgart: Viele meiner Fremden bleiben nicht einmal stehen und ignorieren mich. Mitten am Tag wohlgemerkt, in völlig unproblematischen, belebten Gegenden.

Neulich sprach ich einen Herrn an, vermutlich war er so um die 60. Er hatte eine etwas seltsame Kappe auf dem Kopf und trug eine Brille; irgendwie wirkte er intellektuell, was immer man sich darunter vorstellen mag. Jedenfalls ging er raschen Schritts die Königsstraße entlang, guckte aber freundlich und wirkte nicht wirklich in Eile, sondern eher so, als sei das sein Spaziergang zur körperlichen Ertüchtigung.

Hallo“, sagte ich, „Entschuldigung.“

Der Mann guckte mich ganz flüchtig, aber ziemlich grimmig aus den Augenwinkeln an und ging ungebremsten Schrittes weiter.

Ahm“, setzte ich wieder an, „ich wollte bloß ein Photo von Ihnen machen.“

Nein!“, schnauzte mich der Mann an.

Ok“, sagte ich, „ich wollte Sie nicht stören.“

Ich war bereits wieder stehen geblieben und ließ den Mann ziehen, da hielt auch er abrupt an, wandte sich mit giftigem Blick zu mir um und richtete seine zwei Zeigefinger in Hüfthöhe auf mich, als seien es Revolver:

Ich will nichts von Ihnen und Sie nichts von mir, ist das klar!“, bellte er.

Ohne eine Reaktion abzuwarten, drehte er sich um und marschierte weiter.

Ich wollte Ihnen doch gar nichts böses“, rief ich hinterher, aber ich weiß nicht, ob er das noch hörte.

Sicher, wer das „Fremde-Leute-ansprechen“-Spiel spielt, muß auch mit solchen Reaktionen rechnen. Das ist schon ok, Ich wundere mich einfach nur, wovor manche Leute solche Angst haben. Etwa, dass ich Ihnen einen Euro abluchsen könnte? Selbst wenn ich es darauf abgesehen hätte, wäre das so schlimm, dass man nicht einmal stehen bleibt und sich kurz anhört, worum es geht? Und warum ist das ausgerechnet in Stuttgart so, einem eher beschaulichen, sicheren und – sowohl im materiellen wie auch im kulturellen Sinne – vergleichsweise wohlhabenden Städtchen?

Im Ergebnis bringen sich die Leute bloß selbst um eine nette Erfahrung – und um ein Photo, über das sich viele meiner Fremden am Ende doch freuen.

Diese feindseligen Reaktionen sind einer der Gründe für mein kleines Projekt: Der gesichtslosen Masse, die einen umgibt, ein Gesicht zu geben. Den einen oder anderen zu ermutigen, doch mal stehen zu bleiben und genauer hinzusehen.

So betrachtet, habe ich in Stuttgart trotz meiner mittlerweile weit über 200 Fremden noch viel Arbeit vor mir...

Das Photo, das ich für diesen Eintrag ausgewählt habe, ist zwar noch in Paris entstanden. Es gibt aber hoffentlich das Gefühl wieder, wenn man die Welt mit engen Scheuklappen betrachtet und nicht wahrnimmt, wer da neben einem sitzt, steht oder geht. Die schwarzen Balken oben und unten sind Lamellen eines Sichtschutzes.

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