Donnerstag, 26. Juli 2012

Leila (#193)



Ablehnungen sind ein wichtiger Teil dieses Projekts. Insgesamt lehnen wohl so etwa die Hälfte der Leute ab, sich dafür photographieren zu lassen.

An diesem Tag aber war meine Ausbeute schlechter:

Zunächst sprach ich eine Frau mittleren Alters an. Sie sagte gleich nein und blieb gar nicht erst stehen. Auch meine Karte – die ich jedem anbiete – wollte sie kaum nehmen, weil sie dachte, ich hätte ihre Ablehnung nicht akzeptiert.

Als nächstes war ein jüngerer Mann an der Reihe. Er reagierte aufgeschlossen, zögerte aber sehr und lehnte schließlich ab, weil er bereits als Model bei einer Agentur registriert sei. Aus meiner Sicht kann ein wenig zusätzliche Publicity für ein nebenberufliches Model nur von Vorteil sein, aber gut.

Danach sprach ich einen Mann an, der offenbar mit seiner Frau unterwegs war und einen Kinderwagen schob. Er wollte nicht mitmachen, weil er nicht photogen sei. Das stimmte natürlich überhaupt nicht, er erinnert mich im Nachhinein an Kris Kristofferson. Jedenfalls ließ er sich nicht von seiner Ablehnung abbringen und war auch nicht bereit, mehr über das Projekt zu erfahren oder sich ein paar meiner bisherigen Photos anzusehen.

Fremde Nr. 4 für diesen Tag war eine Frau, ich schätze so zwischen 30 und 40, die auffällig gekleidet war und eine Mütze mit allerlei Buttons auf hatte. Sie schob einen großen Wagen vor sich her und wirkte etwas wie eine Obdachlose, auch wenn sie es vermutlich nicht war. Ihr Outfit und der Wagen und die Mütze interessierten mich nicht, vielmehr war ihr Gesicht der Grund, weshalb ich sie ansprach. Wir unterhielten uns recht lange, aber es ging im wesentlichen nur um Stuttgarts neuen Bahnhof (S21). Sie war eine geradezu fanatische Gegnerin. All ihre Gedanken schienen nur um dieses Thema zu kreisen, und es war unmöglich, das Gespräch davon wegzulenken.

Ihre Zustimmung zum Photo machte sie davon abhängig, ob ich auch gegen S21 sei. Ich habe ihr erklärt, daß es aus meiner Sicht wichtigere Dinge auf der Welt gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt anstatt gegen einen neuen Bahnhof. Es war dann wenig überraschend, daß sie es ablehnte, ein Photo machen zu lassen.

Meine Zeit war um, und ich machte mich auf den Heimweg. Da rief mich meine Frau an und bat mich, Windeln mitzubringen. Also kaufte ich welche und war kurz vor der U-Bahn-Station am Stuttgarter Schloßplatz, als ich Leila sah und beschloß, sie trotz der beiden Windelpakete noch nach einem Photo zu fragen.

Leila sah mich ein wenig gequält an und sagte, sie dürfe nicht.

Diese Antwort war mir neu. Manche bleiben gar nicht erst stehen, weil sie Sorge haben, ich könnte Geld von ihnen wollen; manche wollen einfach kein Photo von sich und erst recht nicht wollen sie ein Photo von sich im Internet, - aber daß jemand nicht darf?

Also fragte ich vorsichtig nach, was es damit auf sich habe. Das Gespräch ging dann ungefähr so:

Ich bin verheiratet, sagte Leila.

Ja und, rief ich aus, ich auch! Es ist doch nur ein Photo!

Aber mein Mann -

- der wird sich freuen, weil er ein Photo von dir bekommt!
Aber nicht jetzt, ich komme gerade von der Arbeit - wie ich aussehe!

Was denn, du siehst blendend aus. Ein Photo, hier und jetzt!

Hier? Nein, das ist mir unangenehm, die ganzen Leute...

Die sind ganz egal. Sieh her, ich habe Windeln unter dem Arm, die stelle ich hier ab, und wir machen das Photo, genau hier.

Wie man sehen kann, bekam ich das Photo.

Leila ist Verkäuferin und war gerade auf dem Weg, eine Freundin zu treffen.

Vielen Dank, Leila! Ich hoffe, Dir und Deinem Mann gefällt das Photo! 

Kommentare:

  1. Ich finde deine Arbeit dein Projekt und deine Art auf Menschen zuzugehen sehr beeindruckend. Auch ich hatte das Glück ein Teil deines Projektes zu werden.
    Dein Projekt verdient eine Ausstellung!

    TOP!

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    1. Danke, John. Es war großartig, Dich auf dieser Parkbank kennenzulernen - wäre schön, wenn wir uns bald mal wieder treffen und einen Café zusammen trinken!

      Ich bin gerade auf der Suche nach einem Ort, um ein paar der Portraits auszustellen - mal sehen...

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