Sonntag, 6. November 2011

Eugen (#35)


Ich ging zu einem kleinen Springbrunnen, um mir meine Hände zu waschen. Eugen saß direkt davor und bettelte. Ich hatte nicht vor, ihn nach einem Photo zu fragen, aber er fragte mich nach Geld, und so begannen wir ein Gespräch.

Eugen schien in einer ruhigen Ecke zu sitzen und ich vermutete, daß es kein sehr guter Platz zum Betteln sei, aber Eugen versicherte mir, daß der Platz gut und nur der Tag schlecht sei.

Mir kam in den Sinn, daß es einige Leute gibt, die Bettler im Gegenzug für etwas Geld nach einem Photo fragen. Ich hatte Zweifel, ob ich das in Ordnung fand, aber ich beschloß, meine Bedenken zu ignorieren und fragte Eugen nach einem Photo. Eugen war es völlig egal, ob ich ein Photo von ihm machte, er wollte bloß das Geld.

Wir unterhielten uns noch eine Weile, und Eugen fragte einige Male, ob ich noch mehr habe.

Eugen hatte offenbar kein leichtes Leben. Er war einige Jahre im Gefängnis, unter anderem, weil er Freier ausgeraubt hatte. „Ich dachte mir“, sagte er, „bevor die ihr Geld den Huren geben, können sie's auch gleich mir geben.“

Heute lebt Eugen von einer kleinen Rente und von dem Geld, das er erbettelt. Es ist mehr, als Theodor, mein Fremder Nr. 33, hat, und dennoch wirkte Eugen viel unzufriedener und verbitterter als Theodor. Das gab mir zu denken.

Ich mache Eugen keinen Vorwurf. Es ist eher umgekehrt so, daß ich Menschen wie Theodor bewundere.

Vielleicht, dachte ich, kann man ja eine bewußte Entscheidung treffen, ob man nach materiellen Gütern strebt und verbittert, falls man sie nicht erreicht - oder ob man sich mit weniger zufrieden gibt und sein Glück an anderes knüpft als an materielle Dinge.

Im Nachhinein ist Eugen ein Fremder, den ich bereue. Es war gut, sich mit ihm zu unterhalten, aber es war nicht richtig, meine Bedenken zu ignorieren und ihn nach einem Photo im Gegenzug für ein wenig Geld zu fragen. Ich hätte es ihm einfach so geben sollen. Die Begegnung behielt einen schalen Beigeschmack für mich.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen