Sonntag, 16. Oktober 2011

Wojtek (#3)



Wojtek saß auf einer Bank am Stuttgarter Schloßplatz, einen Gitarrenkoffer neben sich. Neben der Bank stand noch ein kleines Klapprad und ein weiterer Koffer. Ich trat heran und fragte Wojtek nach seinem ganzen Gepäck – er lud mich sofort ein, mich neben ihn zu setzen, und daraus entstand ein sehr langes und persönliches Gespräch.

Wojtek kommt ursprünglich aus Polen. Er ist 62 Jahre alt, verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Da er ein ausgebildeter Opernsänger ist, liebt er natürlich die Musik, aber er berichtete mir davon, wie hart das Geschäft hinter den Kulissen sei, mit all den vielen Intrigen, Rivalitäten und Mißgunst. Auf die Frage, was er denn am liebsten aufgeführt hatte, überlegte er eine Weile und antwortete dann, daß er mal selbst ein Stück geschrieben hatte, das einige Male in einer Kirche aufgeführt worden war und in dem er mitgesungen hatte.

Heute ist Wojtek ein Straßenmusikant. Er geht in Cafés und Kneipen und spielt dort für die Gäste. Als ich ihn auf der Bank traf, war es Spätnachmittag, und er bereitete sich innerlich auf den Abend vor.

Wojtek hat in seinem Leben einige Schicksalsschläge erlitten. Obwohl er einen sehr starken christlichen Glauben hat, scheint er auch sehr damit zu kämpfen und zu ringen.

Am Ende des Gesprächs fragte ich Wojtek nach einem Photo und erzählte ihm von meinem Projekt. Ach, sagte Wojtek, darum das ganze Gespräch? Ich erklärte Wojtek, daß es um viel mehr als nur um ein Photo gehe. Das war in Ordnung für Wojtek und er war einverstanden. Dennoch war für einen kurzen Moment der Eindruck da, als hätte ich ihn hintergangen – so beschloß ich, potentielle Teilnehmer meines Projekts immer nur gerade heraus zu fragen und ein evtl. Gespräch auf später zu verschieben. Es stellte sich dann heraus, daß das ohnehin der interessantere Weg war – zu sehen, wie die Leute auf eine ganz simple Frage reagieren, die für sie jedoch aus heiterem Himmel zu kommen scheint.

Ich hatte später noch ein wenig eMail-Kontakt mit Wojtek. Gesehen habe ich ihn seitdem nicht mehr, aber ich hoffe, ihm irgendwann wieder über den Weg zu laufen und ihn dann spielen und singen zu hören. Jedenfalls ist er eine faszinierende und starke Persönlichkeit, die mir unvergessen bleibt.

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Zwei Jahre später habe ich Wojtek dann doch wieder getroffen: Wojtek revisited.

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