Donnerstag, 27. Oktober 2011

Wibke (#28)


Manchmal braucht es einfach Glück:

Ich lief durch die Straßen und fischte nach Fremden für mein Projekt. Am Abend fand ein Festival statt und so waren auffällig viele Menschen unterwegs. Während ich so durch die Menge trieb, sah ich ein süßes kleines Kind. Dann nahm ich aus den Augenwinkeln ein zaghaftes, aber wunderbares Lächeln wahr – es gehörte einer vorübergehenden Frau, sie schien in Eile, hatte aber offenbar dennoch genügend Zeit, um dem kleinen Kind so zuzulächeln.

Ich hielt inne und drehte mich um, wo war die Frau? Es dauerte einen Augenblick, bis ich mich gesammelt hatte und ihr nachlief, aber sie war schon in der Menge versunken, ich sah sie nicht mehr.

Enttäuscht setzte ich meinen Gang fort. Eine ganze Zeit später sah ich eine Frau auf einem Fahrrad, sie versuchte, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen und rauchte dabei – das war die Frau von vorhin! Ich rannte durch die Menge, um ihr den Weg abzuschneiden, und als ich nah genug war, winkte ich ihr wild zu. Sie bemerkte mich und hielt an.

„Ich würde gerne ein Photo von Dir machen“, stieß ich - vermutlich etwas außer Atem - hervor. Sie fragte, warum, und ich erzählte ihr von einem Projekt mit 100 fremden Leuten, vor allem aber erzählte ich ihr, daß ich vorhin ihr wunderbares Lächeln aufblitzen sah, sie aber in der Menge verloren hatte.

Meine Erklärungen müssen etwas wirr gewesen sein, aber sie war trotzdem bereit, mitzumachen. Ich machte wie immer meine drei Aufnahmen. „Lustiger Zufall“, sagte sie, „erst vor kurzem hat mich ein Freund für ein Projekt gefilmt, obwohl ich doch gar kein Talent für's Modeln habe – und nun fragst Du mich nach einem Photo.“

Sie fragte, ob sie die Photos auf dem Display sehen könne. „Sicher“, antwortete ich.

„Oh je“, sagte sie, „ ich sehe schrecklich aus - ich bin ganz fertig, ich komme von der Arbeit, und ich bräuchte eine Dusche. Aber na ja, solange die Bilder nicht mit meinem Namen im Internet erscheinen...“

Ich mußte schlucken. „Das ist eigentlich genau das, worum es geht“, krächzte ich.

Und wieder hatte ich Glück: „Na“, sagte sie, „dann müssen wir nochmal ein paar Photos machen.“ Erleichtert machte ich noch ein paar Aufnahmen und zeigte sie ihr. Dieses Mal nickte sie zustimmend. Ich gab ihr meine Karte, und Wibke schwang sich wieder auf's Rad.

Wibke arbeitete zum Zeitpunkt der Aufnahme für zwei Monate in der Altenpflege.

Ein paar Tage später meldete sich Wibke bei mir, sie habe gerade meine Karte in ihrer Tasche entdeckt; obwohl sie auf dem Photo müde aussehe, gefalle es ihr und sie bat mich, es ihr zuzusenden.

Eine ganze Weile später bin ich Wibke nochmals über den Weg gelaufen, und wir konnten uns nochmals kurz unterhalten.

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