Montag, 31. Oktober 2011

Theodor (#33)


Anderthalb Wochen hatte ich keine Gelegenheit, um an meinem Projekt weiterzuarbeiten – und ich vermisste es sehr. Als ich mich an diesem Tag endlich auf den Weg machte, sah ich sofort Theodor auf einem Platz nahe am Hauptbahnhof sitzen. Der Sitz neben ihm war frei; ich setzte mich neben ihn, sagte hallo und fragte nach einem Photo.

„Von mir?“, fragte Theodor, war dann aber schnell einverstanden, ohne mehr wissen zu wollen. Ich erzählte ihm dennoch von dem Projekt und wollte ihm meine Karte geben, so daß er sich das Photo im Internet ansehen konnte. Theodor wischte das nur beiseite und sagte, er brauche das Photo nicht zu sehen.

Ich kniete mich vor Theodor auf den Boden und machte ein paar Aufnahmen. Theodor ignorierte die Kamera völlig, er rollte sich eine Zigarette und zündete sie an. Nur als er den ersten Zug davon nahm blickte er ganz kurz zu mir herüber. Ich stand auf und setzte mich wieder neben ihn.

Theodor kam 1972 als Flaschner aus Griechenland nach Deutschland. Er hatte nicht immer Glück im Leben und hat nun schon seit vielen Jahren nicht mehr gearbeitet. Er bezieht eine kleine Berufsunfähigkeitsrente. Das sei ihn Ordnung, sagte er. Wenn man viel habe, gebe man viel aus, das sei nicht seine Art. Kaffee, Zigaretten und Ruhe – das sei es, was für ihn ein gutes Leben ausmache. Viel mehr brauche er nicht.

Wir unterhielten uns eine ganze Weile über sein Leben. Theodor schien tatsächlich sehr zufrieden mit dem, was man die kleinen Dinge des Lebens nennen könnte. Gleichzeitig war er ein sehr ernster Mann, der offenbar viel hat, worüber er nachdenken muß. Als ob ein dunkler Schatten aus seiner Vergangenheit ihn nie ganz losgelassen hätte.

„Also dann“, sagte Theodor schließlich und gab mir seine Hand. Da wußte ich, daß es an der Zeit war, ihn wieder in Ruhe zu lassen.

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