Dienstag, 25. Oktober 2011

Joachim (#25)


Ich hatte etwas Zeit und ging durch die Straßen, auf der Suche nach Fremden für mein Projekt. Es dauerte nicht lange, bis ich diesen Mann in der Menge entdeckte – was für ein ausdrucksstarkes Gesicht! Zwei Frauen begleiteten ihn, sie schienen einfach gemütlich spazieren zu gehen.

Und doch erschien der Mann irgendwie unnahbar – ich zögerte und tat nichts. Die drei Fremden gingen Richtung Schloß. Ich drehte mich um und setzte meinen Gang fort, tauchte ein in die Menge auf der Königsstraße – aber ich sah niemanden mehr, den ich für das Projekt hätte haben wollen.

Nach einer Weile kehrte ich zu der Stelle zurück, an der ich meine Suche begonnen hatte und war soweit, es für heute aufzugeben. Plötzlich aber sah ich die drei von vorhin wieder, sie kamen auf dem gleichen Weg zurück, den sie zuvor entlang gegangen waren. Erneut stand ich einfach da und sprach sie nicht an.

Sie verschwanden in der Menge. Warum zögerte ich? Ich dachte an all die Ablehnungen, die ich bislang schon erhalten hatte. Dachte an die kleinen Tricks, die ich entwickelt hatte. Dachte daran, wie sehr ich mich hinterher ärgern würde.

Endlich, ich stürmte den dreien hinterher. Sie waren schon ziemlich weit gekommen, aber der Mann war groß, und ich fand ihn ohne allzu große Mühe in der Menschenmenge wieder. Als ich ihn nach einem Photo fragte, schaute er mich alles andere als überzeugt an. Eine der beiden Frauen sprang ein und fragte mich nach meinem 100-Fremde-Projekt. Ich erzählte davon und schloß damit, wie mich die Ausdrucksstärke dieses Gesichts geradezu angesprungen hatte.

Der Mann hörte mir zu, aber er reagierte nicht.

Ok, dachte ich, das wird nichts.

Doch nun wandte sich die eine Frau an den Mann und sagte, sie habe mal in Paris wildfremde Leute nach Photos gefragt, sie könne das verstehen und würde an seiner Stelle auf jeden Fall mitmachen.

Ich weiß nicht mehr genau, wie er dann zustimmte – ich glaube, es war nicht viel mehr als ein leichtes Nicken. „Wirklich?“, versicherte ich mich und zog meine Kamera aus der Tasche, machte ein Photo und hielt meine Karte hin – die Frau nahm sie mir ab, sonst wäre ich wohl hilflos damit herumgestanden. Ich fragte nach seinem Namen, und da, endlich antwortete er mir sogar: „Joachim“. Ich bedankte mich und verabschiedete mich.

Wir waren schon wieder auseinander gegangen, als mir einfiel, daß ich wahnsinnig gerne etwas über diese Photos aus Paris erfahren hätte – zu spät.

Joachim blieb auch am Ende der Fremde, der er von Anfang an war - ich habe nichts über ihn erfahren als seinen Vornamen. Anfangs hoffte ich noch, die Frau würde sich bei mir melden, aber das geschah nicht.

Als Photograph bin ich natürlich glücklich, daß ich doch noch dieses Photo bekommen habe. Und auch wenn es so scheint, als sei es im übrigen eher ein Fehlschlag gewesen, weil Joachim so unnahbar blieb wie er zunächst auf mich wirkte, so glaube ich doch, daß auch er mir in dieser kurzen Begegnung so manches beigebracht hat.  

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