Samstag, 15. Oktober 2011

Herr R. (#1)



Herr R. war der erste Fremde, mit dem meine Reise begann.

Er saß an einer Litfaßsäule. Herr R. sitzt öfter an dieser Stelle, und ich muß wohl einige Male an ihm vorübergegangen sein, ohne ihn zu bemerken. An diesem Tag aber traf mich sein Gesicht mit voller Wucht.

Ich blieb in einiger Entfernung stehen und beobachtete ihn. Dieses Gesicht wollte ich photographieren. Meine Kamera war dabei, und ich dachte an dieses Projekt, das es auf flickr gab - es hieß 100 Strangers. Ziel des Projekts war es, 100 fremde Personen anzusprechen und sie nicht nur um Erlaubnis zu fragen, sie photographieren zu dürfen, sondern auch, das Bild dann im Internet veröffentlichen zu dürfen. Dieses Projekt war mir schon vor Jahren begegnet, und ich hatte immer wieder daran gedacht, einmal sogar einen halbherzigen Start unternommen - nur um es nach dem ersten Photo wieder aufzugeben.

Aber dieses Gesicht hier, das wollte ich unbedingt photographieren. Und wer war dieser Mann? Was war seine Geschichte?

Da stand ich also, beobachtete Herrn R. und rang mit mir selbst. Irgendwann faßte ich mir ein Herz, ging zu ihm und sprach ihn an.

Herr R. war früher Bauunternehmer. Nicht ohne Stolz erzählte er mir, daß seine Firma 70 Mitarbeiter gehabt und zahlreiche Häuser errichtet habe. Wegen seiner Diabetes könne er nur schlecht laufen, aber mit dem Rollator gehe es. Er komme gerne bei schönem Wetter vom Altersheim hierher auf den Stuttgarter Schloßplatz, setze sich zur Litfaßsäule und bekomme etwas Kleingeld von den Passanten - davon kaufe er sich Zigaretten, denn Rauchen, das sei sein Hobby.

Seine Tochter sei 35 und Kinderärztin, sie lebe in Hannover und komme ihn ab und an besuchen.

Ich machte also ein Portrait von Herrn R. und versprach ihm, ihm einen Abzug mitzubringen.

Der Abzug war schnell gemacht, und ich trug ihn über Wochen hinweg in meiner Tasche, während ich erfolglos nach Herrn R. Ausschau hielt.

Ich war nahe dran, es aufzugeben und das Photo aus der Tasche zu nehmen, als ich ihn drei Monate später doch wieder an "seinem" Platz sah.

Es war morgens, doch Herr R. sah nicht gut aus. Zwei junge Frauen kamen aus einem Laden, zeigten auf ihn und kicherten. Ich hätte ihnen eine scheuern können.

Stattdessen begrüßte ich Herrn R. und gab ihm das Photo, das von den vielen Wochen in der Tasche schon ein wenig mitgenommen aussah. Herr R. freute sich dennoch, aber es blieb mir unklar, ob er sich an unsere Begegnung erinnerte - er erzählte mir wieder einiges, was er schon bei unserem ersten Treffen berichtet hatte.

Irgendwann ging ich weiter und erledigte meine Besorgung. Als ich mich auf den Weg zur Arbeit machte, kam ich wieder am Schloßplatz vorbei und ging noch einmal zu ihm, um ihn zu fragen, was für Zigaretten er denn gerne rauche.

Eigentlich egal, sagte Herr R., vielleicht Pall Mall. Ich versprach, ihm das nächste Mal eine Packung mitzubringen.

Als Nichtraucher hatte ich keine Ahnung, wo es einen Tabakladen gab, aber nun, da ich darauf achtete, entdeckte ich schon nach wenigen Schritten einen. Ich ging hinein und stand etwas ratlos vor den vielen Packungen. Von Pall Mall gab es mehrere Sorten, welche mochte die richige sein? Menthol schloß ich mal aus, aber sonst?

Der Verkäuferin blieb meine Ratlosigkeit freilich nicht verborgen. Wir kamen in's Gespräch und ich sagte ihr, daß ich die Packung für den Herrn an der Litfaßsäule wollte. Die Verkäuferin kannte Herrn R. gut und wußte, welche Sorte er immer nahm.

Die Zigarettenpackung war mit Sicherheit Herr R.s Freude des Tages.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen