Dienstag, 18. Oktober 2011

Herr Heuer (#12)



Schon eine Weile bevor ich Herrn Heuer traf kam mir der Gedanke, daß ich gerne jemanden im Anzug für mein 100-Fremde-Projekt hätte. Anzüge erfüllen schließlich oft auch die Funktion, das persönliche Leben des Trägers auszublenden und ihn ganz in seiner geschäftlichen Rolle funktionieren zu lassen – elegant, aber unauffällig. So bleiben Anzugträger oftmals seltsam fremd – wer schon mal jemanden in Freizeitkleidung getroffen hat, den er sonst nur mit Anzug kennt und dann entsprechend überrascht war, wird wissen, was ich meine.

An diesem Tag sprach mich ein Mann mit Flyern an, während ich eine Runde auf der Suche nach Fremden drehte. Der Mann wollte mich auf drohende Gehaltskürzungen bei Redakteuren einer Tageszeitung aufmerksam machen. Da kam auch Herr Heuer des Weges, nahm einen Flyer und begann eine lebhafte Diskussion mit dem Redakteur.

Ich verfolgte die Diskussion nicht sehr aufmerksam, stattdessen betrachtete ich Herrn Heuer und überlegte, ob ich ihn nach einem Photo für mein Projekt fragen sollte.

Das Gespräch wandte sich – zu jener Zeit fast unvermeidlich – der Problematik um Stuttgart 21 zu. Inzwischen dürfte es jedem in Deutschland bekannt sein, daß es beim Streit um Stuttgart 21 im wesentlichen um die Frage geht, ob und wie der Stuttgarter Hauptbahnhof umgebaut wird. Ich verabschiedete mich und beobachtete Herrn Heuer noch eine Weile aus gewisser Entfernung.

Ein Ende des Gesprächs schien nicht absehbar, und so lief ich wieder ein wenig umher und hielt weiter nach möglichen Kandidaten für mein Projekt Ausschau. Wenig später kam Herr Heuer einige Meter entfernt an mir vorbei. Er erkannte mich wieder, winkte und kam zu mir.

Herr Heuer ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Angefangen hatte er ursprünglich bei einer Versicherung, wurde dann rasch der jüngste Handlungsbevollmächtigte dort, gründete eine eigene Agentur, verkaufte sie später mit großem Erfolg wieder und arbeitete bei einer Bank. Andererseits hatte Herr Heuer auch schwierige Zeiten und pflegte lange Zeit eine sehr kranke Person, so daß er schließlich fast pleite war. Heute ist er unabhängiger Finanzdienstleister.

Herr Heuer hält nichts vom Jammern, sein Lebenslauf scheint ihn in seiner Ansicht zu bestätigen, daß man sich manchmal eben etwas anstrengen muß, dann aber alles erreichen kann. Dabei schien mir Herr Heuer aber außerordentlich neugierig und aufrichtig interessiert an seinen Mitmenschen, ganz gleich, welcher sozialen Schicht sie angehören.

Bis zu diesem Zeitpunkt wechselte ich immer wieder den Wortlaut meiner Frage, die ich potentiellen „Fremden“ stellte, ich hatte noch nichts gefunden, womit ich zufrieden gewesen wäre. Herrn Heuer fragte ich, ob ich ein Photo von ihm machen könne. Da lachte er und sagte, ob ich das könne, das wisse er nicht, aber die Erlaubnis dazu, die gebe er.

Seitdem ist meine Frage (streng genommen ist es eine Aussage) immer gleich: „Ich würde gerne ein Photo von Dir machen.“

Vielen Dank für Ihre Zeit und für's Mitmachen, Herr Heuer!

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