Samstag, 22. Oktober 2011

Gerd (#18)


Wir Deutschen legen schon Wert auf unseren Datenschutz. Ich bin da keine Ausnahme, ich mag die Vorstellung, daß der Staat ebenso wie beispielsweise Google und andere Unternehmen uns Rechenschaft darüber schuldig sind, was sie machen mit den vielen Daten, die sie über uns sammeln. Dennoch denke ich, daß wir manchmal etwas übertreiben, und auch da bin ich keine Ausnahme. Insofern fand ich die Reaktion meines nächsten Fremden sehr interessant - es hätte meine eigene sein können.

Ich war auf dem Weg zur Arbeit, als Gerd in der Nähe des Hauptbahnhofs an mir vorüberging. Ich drehte mich um und lief ihm nach, um nach einem Photo zu fragen. Er wollte wissen, wofür, und ich erläuterte ihm mein Projekt „100 Fremde“.

„Was ist mit meinen persönlichen Daten“, fragte Gerd, „kann die jeder im Internet sehen?“ „Ich hätte gerne ihren Vornamen, das ist alles“, antwortete ich. Mir kamen meine Fremden aus Bild #17 in den Sinn, und so fügte ich schnell hinzu: „Aber auch das ist nicht wirklich zwingend.“

„Aber mein Photo,“ setzte Gerd nach, „mein Photo wird für jeden im Internet sichtbar sein?“ - „Ja, das wird jeder sehen können.“

An dieser Stelle lehnte Gerd ab und erklärte, er sei generell sehr vorsichtig mit seinen persönlichen Daten und wolle sie nicht im Internet haben. Ich fragte ihn, was ihm genau Sorgen bereite, es sei ja bloß ein Photo und sein Vorname, nichts weiter.

Gerd war nun doch einverstanden. Ich machte drei schnelle Aufnahmen während Gerd seufzte: „Ich hoffe wirklich, das ist seriös.“ „So seriös wie Kunst nur sein kann“, antwortete ich von hinter der Kamera. „Ja“, meinte Gerd, „sie machen nicht den Eindruck, als würden sie mich täuschen.“

Manchmal trage ich Anzüge zur Arbeit, und dies war ein solcher Tag. Ich bin überzeugt, daß Gerd nicht mitgemacht hätte, wäre ich ihm in meinem normalen, etwas legereren Stil begegnet.

Gerd fragte mich noch, wie sich mein Projekt finanziere. Eine interessante Frage, die hatte mir noch niemand zuvor gestellt. „Das braucht nicht finanziert zu werden, das ist alles ganz privat“, erklärte ich.

Wie Du sehen kannst, Gerd, hat alles seine Ordnung. Vielen Dank für Dein Vertrauen!

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