Sonntag, 23. Oktober 2011

Anna (#19)


Wie schon erwähnt, machte ich zwar Fortschritte im Ansprechen junger Frauen, aber die Situation „U-Bahn“ blieb nach wie vor eine hohe Hürde für mich. Dabei sind U-Bahnen an sich ein perfekter Ort, um Fremde zu treffen. Andererseits ist man aber für kurze Zeit auf engem Raum miteinander eingesperrt, es gibt immer ein Publikum und das Damokles-Schwert der Ziel-Haltestelle schwebt ständig über einem. All das hatte mich bislang davon abgehalten, Fremde in der U-Bahn anzusprechen, obwohl ich natürlich einige gesehen hatte, die ich gerne dabei gehabt hätte.

Nun aber nahm ich auch diese Hürde und vereinte die Herausforderungen „junge Frau“ und „U-Bahn“:

Anna konnte man einfach nicht übersehen. Erst bemerkte ich das Kopftuch, einen winzigen Augenblick später die gutaussehende Frau. Sie tippte irgendetwas auf ihrem Handy, während ich mit mir selbst rang und alle Techniken durchging, die ich mir bislang angeeignet hatte, um das innere Hemmnis zu überwinden. Dann fummelte die Frau an Kopfhörern herum und wollte offenbar Musik hören. Ich wußte, ich würde sehr hart mit mir selbst ins Gericht gehen, wenn ich diese Gelegenheit verstreichen ließ - jetzt oder nie -

Ich holte tief Luft, stand auf und ging zu ihrem Sitzplatz. Sie saß am Fenster, ein Mann saß ihr schräg gegenüber. Ich stolperte über seine Beine und ließ mich in den Sitz direkt ihr gegenüber plumpsen.

Und sagte ihr, daß ich gerne ein Photo von ihr machen würde.
Anna machte es mir unendlich einfach und sagte ja.

Ich habe für das gesamte Projekt ein 85mm-Objektiv verwendet, die klassiche Portrait-Brennweite, die natürlich zu lang war, um Anna vom Platz ihr gegenüber zu photographieren. Also stand ich wieder auf und ging zurück zu meinem ursprünglichen Platz. In diesem Moment fiel mir auf, daß die gesamte U-Bahn mich anstarrte als sei ich ein Außerirdischer. Nichts konnte mir gleichgültiger sein, und als ich die Kamera aus der Tasche zog, versank meine restliche Umwelt ohnehin in meinem Unbewußten.
Ich machte ein paar rasche und eher hektische Aufnahmen, dann kehrte ich zum Platz Anna gegenüber zurück. Es stellte sich heraus, daß wir beide noch einige Stationen U-Bahn-Fahrt vor uns hatten und etwas Zeit für ein Gespräch blieb.

Ich mag den Akzent, den Englisch-Sprachler haben, wenn sie deutsch sprechen, und Annas durch australisches Englisch eingefärbtes Deutsch war da keine Ausnahme. Anna ist ein Tänzerin, die nach Deutschland kam, weil ihr hier viel größere Möglichkeiten offen stehen, schließlich hat jedes kleinere Städtchen Theaterhäuser, Opern und andere kulturelle Einrichtungen – ein Paradies im Vergleich zu den Verhältnisses in Australien. Natürlich leidet Anna unter den deutschen Wintern, aber als ich sie fragte, warum sie dann nicht zum Beispiel nach Italien ginge, meinte sie, Deutschland biete auch im Vergleich zu Italien viel mehr Möglichkeiten für sie.

Anna hat eine Zeitlang in Chemnitz gelebt, erst vor drei Monaten ist sie nach Stuttgart gezogen. Sie war gerade mit der U-Bahn auf dem Weg zu einer Generalprobe, die Premiere war für den nächsten Tag angesetzt.

Anna war für mich ein großer Schritt nach vorne auf meiner persönlichen Reise. Von nun an wurde es zunehmend leichter für mich, wildfremde Leute anzusprechen.

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